Wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in Gemeinden der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers
Thema
Gegenstand der Studie
Die Studie untersucht den sogenannten „Fallkomplex Mückenheim“ im Kontext der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers. Im Mittelpunkt steht die wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt, die der ehemalige Diakon Thomas Mückenheim im Rahmen seiner Tätigkeit in der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit verübt hat.
Thomas Mückenheim wurde im Jahr 2003 wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes sowie weiterer Fälle sexuellen Missbrauchs rechtskräftig verurteilt. Die bekannten Taten ereigneten sich zwischen 1999 und 2002 im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit in einer Kirchengemeinde der Landeskirche Hannovers. Darüber hinaus bestehen Hinweise auf weitere bislang nicht umfassend aufgearbeitete Fälle sowie auf mögliche institutionelle und organisationale Bedingungen, die die Taten begünstigt oder deren Aufdeckung erschwert haben könnten.
Die Studie widmet sich daher sowohl den Gewalterfahrungen der Betroffenen als auch den institutionellen, sozialen und organisationalen Kontexten, in denen die Taten stattfanden.
Kontext der Untersuchung
Die wissenschaftliche Aufarbeitung erfolgt vor dem Hintergrund langjähriger Forderungen von Betroffenen nach einer unabhängigen Untersuchung des Fallkomplexes. Ziel ist es, bisher unzureichend geklärte Zusammenhänge systematisch zu rekonstruieren und zur historischen wie institutionellen Aufklärung beizutragen.
Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Bedingungen, unter denen sexualisierte Gewalt in kirchlichen Kontexten ermöglicht, verdeckt oder nicht angemessen bearbeitet wurde. Hierzu zählen unter anderem institutionelle Verantwortungsstrukturen, organisationale Kulturen, zwischenmenschliche Loyalitäten sowie Kommunikations- und Entscheidungsprozesse innerhalb kirchlicher Strukturen auf Gemeinde- und Landeskirchenebene.
Die Studie versteht sich als Beitrag zur unabhängigen wissenschaftlichen Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in Institutionen sowie zur Weiterentwicklung von Prävention, Intervention und Anerkennung betroffenenenorientierter Perspektiven.
Ziel der Studie
Die Untersuchung verfolgt mehrere miteinander verbundene Ziele:
- die Dokumentation und Rekonstruktion sexualisierter Gewalt im Zusammenhang mit den Tätigkeiten Mückenheims in der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit,
- die Analyse institutioneller und struktureller Bedingungen, die Gewalt ermöglicht oder deren Aufdeckung erschwert haben könnten,
- die Untersuchung des Umgangs kirchlicher Verantwortungsträger*innen mit Hinweisen, Wissen oder Verdachtsmomenten,
- die Rekonstruktion bisheriger Aufarbeitungs- und Unterstützungsmaßnahmen,
- die Sichtbarmachung der Perspektiven und Erfahrungen Betroffener,
- sowie die Entwicklung von Handlungsempfehlungen für Aufarbeitung, Prävention und institutionellen Umgang mit sexualisierter Gewalt.
Darüber hinaus sollen Ansatzpunkte für eine langfristige Anerkennung des erfahrenen Unrechts sowie für eine nachhaltige Stärkung präventiver Strukturen innerhalb der Landeskirche Hannovers erarbeitet werden.
Vorgehen
Die Studie basiert auf einem qualitativ-rekonstruktiven Forschungsdesign, das sich an aktuellen wissenschaftlichen Standards der Forschung zu sexualisierter Gewalt in Institutionen orientiert.
Im Rahmen der Untersuchung werden unterschiedliche Perspektiven und Materialien einbezogen. Geplant sind insbesondere:
- leitfadengestützte Interviews mit Betroffenen, Zeitzeug*innen, Angehörigen, Gemeindemitgliedern sowie kirchlichen Verantwortlichen,
- die Analyse von Akten, Korrespondenzen und weiteren Dokumenten aus kirchlichen und privaten Beständen,
- sowie die systematische Rekonstruktion institutioneller Abläufe, Verantwortlichkeiten und Kommunikationsprozesse.
Die Auswertung erfolgt mit etablierten qualitativen Methoden der Sozialforschung. Ziel ist eine multiperspektivische Rekonstruktion der Geschehnisse sowie der Bedingungen ihrer Entstehung, Bearbeitung und möglichen Verdeckung.
Die Forschung orientiert sich an aktuellen forschungsethischen Standards. Der Schutz von Betroffenen, Vertraulichkeit sowie datenschutzrechtliche Vorgaben haben im gesamten Forschungsprozess höchste Priorität.
Die Ergebnisse der Untersuchung werden in einem wissenschaftlichen Abschlussbericht veröffentlicht. Dieser soll neben der Darstellung der Forschungsergebnisse auch Empfehlungen für Prävention, Intervention, institutionelle Verantwortung und den Umgang mit Betroffenen enthalten.
Eckdaten
Finanziert durch:
Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannover
Laufzeit
Juni 2026 – Mai 2028