Aufarbeitung von Fällen sexualisierter, physischer und psychischer Gewalt im Erich-Kästner-Kinderdorf
Thema
Projektbeschreibung
Ausgangspunkt des wissenschaftlichen Aufarbeitungsprojekts sind verschiedene von einer bislang nicht näher bestimmten Anzahl ehemaliger Bewohner*innen des Erich-Kästner-Kinderdorfes vorgebrachte Hinweise und Vorwürfe zu Vorfällen physischer, psychischer und sexualisierter Gewalt. Zudem gab es in den vergangenen Jahren mehrere Gerichtsverfahren gegen ehemalige Mitarbeitende des Erich-Kästner-Kinderdorfs, in denen es teilweise zu Verurteilungen der Beschuldigten kam. Der 1974 gegründete Erich-Kästner-Kinderdorf e.V. betreibt mittlerweile fünf Kinderdorffamilienhäuser sowie zwei heilpädagogische und eine sozialpädagogische Tagesgruppe. Zudem bietet der Verein Fortbildungen im Bereich Trauma und Traumapädagogik an.
Das Forschungsprojekt verfolgt vier primäre Ziele:
- Die verschiedenen Vorwürfe und Perspektiven sowie das Leid der damaligen Kinder und Jugendlichen zu dokumentieren. Hierzu zählt insbesondere, das Ausmaß physischer, psychischer und/oder sexualisierter Gewalt an ehemaligen Bewohner*innen des Kinderdorfs zu erheben und zu beschreiben sowie gewaltausübende Personen zu identifizieren.
- Jene Bedingungen, Strukturen und weiteren Faktoren zu rekonstruieren, zu dokumentieren, zu analysieren und zu beschreiben, die es initial erst ermöglicht haben, dass Kinder und Jugendliche im Erich-Kästner-Kinderdorf physische, psychische und/oder sexualisierte Gewalt erlitten haben.
- Die Bedingungen, Strukturen und weiteren Faktoren zu rekonstruieren, zu dokumentieren, zu analysieren und zu beschreiben, unter denen die Aufdeckung physischer, psychischer und sexualisierter Gewalt und Unterstützung für Betroffene (un-)möglich war und ist.
- Den Umgang der Verantwortlichen des Erich-Kästner-Kinderdorfs mit Meldungen und Vorwürfen physischer, psychischer und sexualisierter Gewalt zu rekonstruieren, zu dokumentieren, zu analysieren und zu beschreiben. Hierbei sollen gezielt unterschiedliche Perspektiven auf die Vorwürfe und Zusammenhänge aufeinander bezogen werden.
Vorgehen
Bei der vorliegenden Studie findet ein qualitatives Forschungsdesign Anwendung. Folgende Erhebungs-, Auswertungs- und Disseminationsschritte sind geplant:
- Leitfadengestützte, teilnarrative (in Anlehnung an Helfferich) und problemzentrierte Interviews (in Anlehnung an Witzel) mit Betroffenen physischer, psychischer und/oder sexualisierter Gewalt, ggf. Angehörigen oder anderen Bezugspersonen in der Kindheit und Jugend, sowie ausgewählten weiteren Zeitzeug*innen.
- Leitfadengestützte, problemzentrierte Interviews (in Anlehnung an Witzel) mit Vertreter*innen des Erich-Kästner-Kinderdorfs und weiteren möglichen Wissenden von physischer, psychischer und/ oder sexualisierter Gewalt, Verantwortlichen und weiteren Akteur*innen, die sich im Verlauf des Projekts als relevant erweisen, z.B. Funktionsträger*innen und Zeitzeug*innen, die in fragliche Vorgänge involviert waren.
- Bei der Auswertung der Daten orientiert sich das Forschungsteam an qualitativ-rekonstruktiven Methoden der Sozialforschung und zieht je nach Forschungsfrage und Qualität der erhobenen Daten unterschiedliche methodische Heuristiken heran, etwa die qualitative Inhaltsanalyse (Kuckartz, 2016), das Kodieren in Anlehnung an die Grounded Theory (Strübing, 2021, S. 16 ff.) oder das integrative Basisverfahren (Kruse, 2015).
- Analyse von Akten und weiteren vorliegenden Dokumenten wie Berichten, Dokumentationen, Nachweisen und ggf. Tagebüchern sowie weiteren verfügbaren Dokumenten, etwa, wenn vorhanden, dokumentierter Korrespondenz mit internen und externen Stellen, die möglicherweise im Zuge der Bearbeitung von Gewalt- und Missbrauchsvorwürfen erstellt wurde. Ziel ist es u.a. Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten zu rekonstruieren und zu beschreiben, Kommunikationswege offenzulegen und Veränderungen im Zeitverlauf in zeitgenössische Diskussionen einzubetten und einzuordnen.
- Um sowohl das geschehene Leid von Kindern und Jugendlichen zu dokumentieren als auch jene Bedingungen zu rekonstruieren und dokumentieren, die es initial erst ermöglicht haben, dass Kinder und Jugendliche im Zuständigkeitsbereich des Erich-Kästner-Kinderdorfs Gewalt erleiden mussten, wird ein Analyserahmen entwickelt, der die verschiedenen Datenarten miteinander ins Verhältnis bringen kann.
- Alle Ergebnisse werden in einem schriftlichen Abschlussbericht veröffentlicht.
- Der Abschlussbericht enthält zudem Empfehlungen z.B. zur weiteren Aufarbeitung, zum Umgang mit Betroffenen und zur Weiterentwicklung der präventiven Strukturen.
Eckdaten
Finanziert durch:
Laufzeit
Juni 2026 – Mai 2028