Wissenschaftliche Aufarbeitung des institutionellen Umgangs mit sexuellem Missbrauch im Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder

 

Thema

Der Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder e.V. (BdP) ist ein bundesweit tätiger Träger der Jugendhilfe und Jugendverband. Der Verband in seiner heutigen Form ging 1976 aus der Fusion des Bundes der Pfadfinder e.V. mit dem Bund Deutscher Pfadfinderinnen e.V. hervor. Die Arbeit orientiert sich an den Grundsätzen der Pfadfinderbewegung und bezieht kulturelle/ästhetische Einflüsse der Bündischen Jugend mit ein. Angesprochen werden Kinder und Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 7 bis etwa 25 Jahren – getrennt nach drei Altersstufen („Wölflinge“, „Ranger“ und „Rover“). Seit 2011 – angestoßen durch die 2010 bekannt gewordenen Missbrauchsfälle im Canisius-Kolleg, der Odenwaldschule und anderen (Kloster)Internaten – wird das Thema sexualisierte Gewalt auch im BdP bearbeitet. Konkret gab es Hinweise auf ein pädosexuelles Täternetzwerk, das vor allem im Umfeld der Jugendburg Balduinstein agierte und bis in die 1980er Jahre zurück reicht. 2013 standen mehrere Personen aus dem Trägerverein der Jugendburg bzw. aus deren Umfeld wegen mehrfachen sexuellen Missbrauchs vor Gericht.

Die intern begonnene Aufarbeitung im BdP durch den Arbeitskreis „Schatten der Jugendbewegung“ und der Bildungsstätte Burg Ludwigstein wurde jetzt an das IPP als externes wissenschaftliches Institut übergeben.

Folgende Fragestellungen werden im Rahmen dieser wissenschaftlichen Aufarbeitung bearbeitet:

  • Welche Formen und welches Ausmaß an sexualisierter Gewalt im BdP lassen sich belegen, insbesondere in dem Zeitraum 1976 – 2006.
  • Gab es innerhalb des BdP Netzwerkstrukturen, die sexualisierte Grenzverletzungen begünstigt haben? Welche Netzwerkstrukturen tragen umgekehrt zur Aufdeckung und Aufarbeitung bei?
  • Welche konzeptionellen, pädagogischen Konzepte haben u.U. sexualisierte Gewalt begünstigt? Welche ideologischen Grundlagen tragen u.U. dazu bei?
  • Welche Täter*innen lassen sich benennen? Gab es Täternetzwerke innerhalb des BdP?
  • Wie sind die Verantwortlichen im BdP mit Täter*innen und Betroffenen in der Vergangenheit umgegangen?
  • Welche Auswirkungen hatte die ausgeübte sexualisierte Gewalt auf die Betroffenen? Welche Unterschiede zeigen sich bei den Betroffenen nach Geschlecht?
  • Gibt es darüber hinaus weitere Hinweise auf spätere und ggf. aktuelle Fälle sexualisierter Gewalt innerhalb des BdP?
  • Welche Maßnahmen wurden zur Unterstützung Betroffener sowie zur Verhinderung weiterer sexualisierter Übergriffe innerhalb des BdP bislang ergriffen?

 

Methodisches Vorgehen

Multiperspektivische Rekonstruktion der historischen Dachverhalte mit Hilfe von

  • problemzentrierten, leitfadengestützten Interviews mit Schlüsselpersonen und Zeitzeug*innen aus dem BdP
  • problemzentrierten, leitfadengestützten Interviews mit betroffenen und nicht betroffenen Mitgliedern des BdP.
  • problemzentrierten, leitfadengestützten Interviews mit Expert*innen, die sich mit Fällen sexualisierter Gewalt bzw. mit der Etablierung von Ethikleitlinien innerhalb von Kinder- und Jugendverbänden professionell beschäftigt haben.
  • Akten- und Dokumentenanalysen.

Im Mittelpunkt steht dabei die Perspektive der Betroffenen, die Folgen des Gewalterlebens, die Bewältigungsstrategien und die Initiativen zu Aufdeckung und Hilfesuche. Dazu kommt die Frage des institutionellen Umgangs mit sexualisierter Gewalt im Zeitverlauf. Wie bei allen wissenschaftlichen Aufarbeitungsprojekten des IPP geht es auch hier um Konsequenzen aus der Vergangenheit für Prävention und Intervention.

 

Laufzeit

Mai 2021 – August 2023

 

Team

Helga Dill, Dr. Peter Caspari, Dr. Tinka Schubert, Bernard Könnecke (dissens)