Sexualisierte Gewalt an der Odenwaldschule

 

Thema:

Die Odenwaldschule war eine der prominentesten Bildungsinstitutionen, die 2010 von negativen Schlagzeilen betroffen waren. Die Aufdeckungen von sexualisierter Gewalt und Misshandlungen an Schülerinnen und Schülern in einer beinahe unüberschaubaren Anzahl pädagogischer Einrichtungen sorgten in diesem Jahr für einen nachhaltig wirksamen öffentlichen Skandal. Der „Fall Odenwaldschule“ erhielt in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung vor allem deshalb eine besondere Aufmerksamkeit, weil dieser Institution im bundesdeutschen Bildungsdiskurs der Nachkriegszeit eine Art „Leuchtturmstellung“ zugeschrieben wurde. Sie war Sinnbild für eine demokratisch organisierte, an den Bildungs- und Entwicklungsbedürfnissen der Schülerinnen und Schüler orientierte, gewaltfreie Pädagogik.

Bereits im Jahr 1999 waren ehemalige Schüler mit der Information an die Öffentlichkeit gegangen, dass sie von dem allseits angesehenen Schulleiter Gerold Becker während ihrer Schulzeit sexuell missbraucht worden waren. Sie schlossen ihren Bericht mit dem deutlichen Hinweis: „Und wir waren nicht die einzigen.“ Ein entsprechender Bericht der „Frankfurter Rundschau“ fand damals kaum öffentliche Resonanz. Zu vermuten ist, dass mächtige Netzwerke, die den Schulleiter schützten, eine breitere öffentliche Diskussion verhinderten. Doch 2010 wurde die Odenwaldschule von der medialen Berichterstattung und den hartnäckigen und vielfältigen Bemühungen ehemaliger Schüler*innen, die sexualisierte Gewalt an der Schule öffentlich zu machen, geradezu „überrannt“.

Im Gefolge der Aufdeckungen 2010 war das Klima an der Odenwaldschule von Machtkämpfen, personeller Fluktuation, öffentlichem Druck und den widerstreitenden Interessen von „Aufdeckern“ einerseits und „Bewahrern“ andererseits gekennzeichnet. Ernsthafte und vielfältige Präventionsinitiativen drohten an der nicht aufgearbeiteten Vergangenheit zu scheitern. Vor dem Hintergrund dieser Gemengelage forderten ehemalige Schülerinnen und Schüler einen wissenschaftlichen Aufarbeitungsprozess. Eine erste juristische Aufarbeitung gewährte einen umfassenden Einblick in das Ausmaß der sexualisierten Gewalt an der Odenwaldschule (Burgsmüller/Tilmann 2010), doch eine vertiefte systemische Betrachtung der Geschehnisse stand noch aus. Daher beauftragte der Trägerverein der OSO unter Hinzuziehung eines wissenschaftlichen Beirates das IPP und die Universität Rostock mit einer sozialwissenschaftlich und erziehungswissenschaftlich fundierten Untersuchung.

 

Vorgehen:

Die Studie des IPP fokussierte vor allem auf Fragen nach dem Ausmaß der sexualisierten Gewalt, nach deren Entstehungsbedingungen und insbesondere auch nach den strukturellen und gesellschaftlichen Begleitumständen, die eine nachhaltige Aufdeckung des Gewaltgeschehens über Jahrzehnte verhinderte. Von besonderem Interesse waren dabei u.a. der veränderte Umgang mit Sexualität in der bundesdeutschen Gesellschaft der 1960er und 1970er Jahre und die Rolle der Reformpädagogik im damaligen Bildungsdiskurs.

Zur Erhebung der für diese Fragestellungen relevanten Daten wurden vor allem leitfadengestützte, problemzentrierte Interviews geführt. Den Schwerpunkt bildeten dabei Gespräche mit ehemaligen Schülerinnen und Schülern der OSO (n = 36). Darüber hinaus wurden n = 20 ehemalige Lehrkräfte interviewt. Schließlich wurden auch die Perspektiven von sieben Expert*innen (z.B. aus den Bereichen Jugendhilfe, Pädagogik, Justiz) in Form von Interviews erfasst. Eine umfassende Rezeption und Analyse von Literatur, Dokumenten, Medienberichten und Filmen vervollständigte die Datenerhebung.

Sowohl die Erhebung als auch die Auswertung der Daten ist von einem reflexiv-sozialpsychologischen Forschungsparadigma fundiert. Im Zentrum steht dabei die Analyse der Subjekterfahrung in ihrem Zusammenhang zu jeweils vorhandenen kontextuellen (gesellschaftlichen, historischen, institutionellen) Bedingungen.

Der Forschungsprozess musste aufgrund der Insolvenz der Odenwaldschule im Jahr 2015 für etwa eineinhalb Jahre unterbrochen werden. Anfang des Jahres 2018 konnte schließlich der Abschlussbericht vorgelegt werden.

 

Auftraggeber:

Trägerverein der Odenwaldschule (bis 2014 – 2015). Hessisches Sozialministerium (2017 – 2018)

 

Team:

Heiner Keupp, Peter Mosser, Bettina Busch, Gerhard Hackenschmied, Florian Straus

 

Laufzeit:

2014 – 2018

 

Veröffentlichung:

Keupp, H./Mosser, P./Busch, B./Hackenschmied, G./Straus, F. (2019). Die Odenwaldschule als Leuchtturm der Reformpädagogik und als Ort sexualisierter Gewalt. Eine sozialpsychologische Perspektive. Wiesbaden: Springer.