Sexualisierte, psychische und physische Gewalt im Benediktinerstift Kremsmünster

 

Thema:

Parallel zu den Aufdeckungen sexualisierter Gewalt und Misshandlung in pädagogischen Einrichtungen Deutschlands wurde ab 2010 auch in Österreich ein Prozess der öffentlichen Skandalisierung ähnlicher Vorkommnisse entfacht. Auch hier standen Einrichtungen der katholischen Kirche im Fokus. Auch in Österreich wurde der Bedarf nach einer umfassenden Aufarbeitung des Gewaltgeschehens in pädagogischen Einrichtungen immer deutlicher erkennbar. Nach Jahren und Jahrzehnten des Schweigens begannen Betroffene, das an ihnen begangene Unrecht öffentlich zu kommunizieren. Die Medien griffen diese Berichte auf; immer drängender wurden Fragen nach der institutionellen Verantwortung für die Taten und Formen der Wiedergutmachung für die Betroffenen gestellt.

Das Stift Kremsmünster galt in Österreich lange Zeit als pädagogische Vorzeigeeinrichtung. Eltern schickten ihre Söhne dorthin, weil sie sich von den katholischen Patres eine strenge, an christlichen Werten orientierte Erziehung versprachen und weil der Eliteanspruch der Institution vielfältige Karrierechancen eröffnen sollte. Als sich aber ehemalige Schüler mit Berichten über extreme körperliche und psychische Gewalt und sexuellem Missbrauch durch die Patres an die Öffentlichkeit wandten, veränderte sich das öffentliche Bild des Stifts Kremsmünster radikal. Es entstanden Fragen nach dem Ausmaß des Gewaltgeschehens, nach den Mechanismen der Geheimhaltung, nach der Verantwortung der Täter und den Folgen für die betroffenen Schüler.

Im Gegensatz zu den meisten ähnlichen Fällen in Deutschland konnte im Fall von Kremsmünster der Haupttäter, der zugleich langjähriger Leiter des Internats war, strafrechtlich belangt werden. Der Anspruch auf eine umfassende Aufarbeitung der Geschehnisse war dadurch aber keineswegs erfüllt. Daher drängten einige ehemalige Schüler des Stifts Kremsmünster nach einer wissenschaftlichen Analyse des institutionellen Gewaltgeschehens. Dies und die mediale Aufmerksamkeit brachten den Abt unter Zugzwang. Auf Anraten des Abts von Ettal beauftragte er schließlich das IPP mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung der jahrzehntelang verübten Misshandlungen und sexualisierten Gewalttaten im Stift Kremsmünster.

 

Vorgehen:

Um das komplexe, historisch mindestens bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs rekonstruierbare Gewaltgeschehen im Stift Kremsmünster möglichst umfassend aufarbeiten zu können, näherte sich das IPP mit einem qualitativen, reflexiv-sozialpsychologischen und multiperspektivisch angelegten Forschungsdesign dem Themenfeld. Um eine möglichst ausgeprägte Tiefenschärfe des Erkenntnisgegenstands zu erreichen, wurden nicht nur ehemalige Schüler der Einrichtung befragt (n = 40), sondern auch eine Reihe von Patres, von denen viele für Misshandlungen von Schülern verantwortlich gemacht worden waren (Klosterangehörige: n = 15). Vereinzelt wurden auch Angehörige früherer Schüler (n = 6), weibliche Stiftsangestellte (n = 2) und Experten (n = 3) befragt. Die Datenerhebung erfolgte mit Hilfe leitfadengestützter, problemzentrierter Interviews. Innerhalb der Gruppe ehemaliger Schüler fanden sich sowohl solche, die von massiver Gewalt berichteten als auch solche, die die Institution und die dort praktizierte Erziehung nach wie vor idealisierten.

Der Forschungsprozess wurde von einem Projektbeirat, der aus fünf ehemaligen Schülern, zwei Vertretern des Stifts Kremsmünster und Mitarbeitern des IPP bestand, begleitet. Es fanden insgesamt 6 Beiratssitzungen in Linz (OÖ) statt.

Das erhobene Datenmaterial wurde mit Methoden der qualitativen Sozialforschung analysiert und ausgewertet. Der Abschlussbericht umfasst u.a. einen ausführlichen Einblick in das Ausmaß und die Formen der an den Schülern begangenen Gewalt, Erklärungen für das Entstehen und die Aufrechterhaltung von institutionellen Gewaltstrukturen sowie Darstellungen der vielfältigen biografischen Folgen für die Betroffenen.

 

Auftraggeber:

Stift Kremsmünster

 

Team:

Heiner Keupp, Florian Straus, Peter Mosser, Wolfgang Gmür, Gerhard Hackenschmied

 

Laufzeit:

2013 – 2015

 

Veröffentlichung:

Keupp, H./Straus, F./Mosser, P./Gmür, W./Hackenschmied, G. (2017). Schweigen – Aufdeckung – Aufarbeitung. Sexualisierte, psychische und physische Gewalt im Benediktinerstift Kremsmünster. Wiesbaden: Springer VS.