Vernachlässigung und Gewalt im Josefsheim - eine Aufarbeitungsstudie

 

Thema:

Bei dem Josefsheim in Ludwigsburg-Hoheneck handelte es sich um ein Kinderheim der Karmelitinnen vom Göttlichen Herzen Jesu, einer kontemplativ-apostolischen Gemeinschaft innerhalb der karmelitanischen Familie. Seit Ende 2018/Anfang 2019 gibt es Vorwürfe ehemaliger Heimkinder aus Ludwigsburg-Hoheneck, die angeben, die Nonnen des Karmelitinnen-Ordens, die das Josefsheim bis 1992 betrieben haben, hätten die Kinder regelmäßig geschlagen, mit harten Strafen gedemütigt und sehr lieblos behandelt. Ehemalige Heimkinder klagen über die psychischen Folgen ihres Heimaufenthaltes. Auch die Frage sexualisierter Gewalt steht im Raum.

 

Vorgehen:

Das Vorgehen im Projekt Josefsheim war/ist zweistufig.

In einem ersten Schritt wurde eine unabhängige Anlaufstelle aufgebaut, bei der man sich im Frühjahr 2019 melden konnte. „Die Ergebnisse der Anlaufstelle stellen das Josefsheim in die Reihe jener Heime, die ihrem eigenen Auftrag, vor allem aber dem Betreuungs- und Schutzauftrag für stationäre Einrichtungen nicht nachgekommen sind. Diese Bewertung gilt nicht nur unter heutigen Standards, sondern wie die Ergebnisse des Runden Tischs Heimerziehung gezeigt haben, auch für die Zeit vor 1975. Auch davor wurden Menschenrechte und die im Grundgesetz garantierte Würde des Menschen missachtet.“ (Busch/Straus 2019, 20)

In einem zweiten Schritt werden die Vorwürfe und Berichte unter folgenden Fragen analysiert:

  • Welches Ausmaß an Gewalt innerhalb des Josefsheims lässt sich innerhalb welcher Zeiträume belegen? Gibt es neben den bisher bekannten Fällen weitere Vorwürfe gegen ehemalige Mitarbeiter*innen des Josefsheims?
  • Wie steht es um den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs durch einen Priester? Gibt es Hinweise, dass dieser im Zusammenhang mit dem Josefsheim verübt wurde bzw. haben die Schwestern von dem Missbrauch Kenntnis gehabt?
  • Welche Folgen hatte die erfahrene Gewalt für den späteren Lebensverlauf der Betroffenen?
  • Handelt es sich um Übergriffe einzelner Mitarbeiter*innen oder gibt es institutionelle Erklärungsfaktoren? Gab es Phasen, in denen der Träger seine Heimpädagogik kritisch reflektiert und im Heimalltag verändert hat?
  • Wie war und ist der Umgang des Trägers mit den Vorwürfen? Gibt es neben dem bekannt gewordenen Beispiel einer möglichen Aufdeckung noch weitere? Falls ja, welche Umstände haben eine Aufdeckung jeweils verhindert?
  • Welche Erwartungen und Möglichkeiten gibt es für einen Dialog zwischen Opfern und dem Kloster mit dem Ziel einer anerkennenden Aufarbeitung des Geschehenen?

Die mit diesem Vorgehen verbundene Hauptintention besteht in einer multiperspektivischen Rekonstruktion historischer Sachverhalte. Multiperspektivische Zugänge sind in der Lage, Entstehungs- und Verdeckungszusammenhänge im Kontext institutioneller Gewalt offen zu legen und Erklärungen dafür zu liefern, weshalb insbesondere verschiedene Formen von Gewalt über lange Zeit nicht aufgedeckt wurden bzw. zu keinen wirksamen institutionellen Reaktionen führten, die einen nachhaltigen Schutz von Kindern und Jugendlichen und weiteren Betroffenengruppen gewährleisten hätten können.

Methodisch werden neben Aktenanalysen vor allem qualitative Interviews druchgeführt.

 

Auftraggeber:

St. Josefsheim e.V., Ludwigsburg-Hoheneck

 

Team:

Dr. Florian Straus, Elisabeth Helming

Laufzeit:

April 2019 – September 2021

 

Veröffentlichungen/Links:

Bericht zu Nutzung und Ergebnissen aus der Einrichtung einer unabhängigen Anlaufstelle zu den Vorwürfen über Gewalt und Lieblosigkeit im Josefsheim, Ludwigsburg-Hoheneck:

Bettina Busch, Florian Straus (2019): Unabhängige Anlaufstelle zu den Vorwürfen über Gewalt und Lieblosigkeit im Josefsheim, Ludwigsburg-Hoheneck – Ergebnisbericht