Pädagogische Nähe und mögliche sexuelle Grenzverletzungen – wissenschaftliche Aufarbeitung der Jahre 1976 - 1983 bei den Martin-Bonhoeffer-Häusern Tübingen

 

Thema:

Die Martin-Bonhoeffer-Häuser Tübingen bieten als Jugendhilfeträger eine breite Palette von Unterstützungsangeboten im ambulanten, teilstationären und stationären Bereich für Kinder, Jugendliche und Familien an. Seit mehr als 40 Jahren werden die Angebote vor allem dezentral, in kleinen Einheiten und stark an der Lebenswelt der Betroffenen orientiert konzipiert. Am Anfang stand 1974 ein – aus der Kritik der damaligen Heimerziehung erwachsenes – sozialtherapeutisches Alternativprojekt zur Heimerziehung. Initiator*innen waren Studierende und Mitarbeitende der Tübinger Kinder- und Jugendpsychiatrie. 1976 übernahm Martin Bonhoeffer die Leitung. Bonhoeffer kam aus Berlin, wo er zuvor im Auftrag des Senats an der Reform der Heimerziehung gearbeitet hatte. In Tübingen übernahm er die kleine Einrichtung, die er nach seinen pädagogischen Konzepten ausgestalten konnte, u.a. die Entwicklung familienähnlicher, lebensweltorientierter Wohnformen für Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen. In den sechs Jahren unter der Leitung Bonhoeffers – bis zu seiner schweren Erkrankung 1982, an der er 1989 starb – wurden so die Grundsteine der pädagogischen Arbeit gelegt, auf denen die Martin-Bonhoeffer-Häuser noch heute aufbauen. 1991 wurden die „Tübinger Wohngruppen“ in Martin-Bonhoeffer-Häuser“ umbenannt.

Im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen an der Odenwaldschule fiel 2010 auch der Namen Martin Bonhoeffer. In einem Stern-Artikel war die Rede davon, dass Bonhoeffer einen ehemaligen Schüler der Odenwaldschule bei einer Urlaubsfahrt sexuell belästigt haben sollte. Dieser Vorwurf wurde in späteren Publikationen aufgegriffen, konnte aber bis heute weder verifiziert noch falsifiziert werden. Dennoch hat sich der Träger zu einer Umbenennung entschlossen und in diesem Zusammenhang auch zu einer externen Unterstützung der Aufarbeitung möglicher Grenzverletzungen durch den ehemaligen Leiter oder andere Personen.

Im Rahmen der wissenschaftlichen Aufarbeitung soll zum einen den Hinweisen auf sexuelle Grenzverletzungen durch Martin Bonhoeffer oder andere Personen im Umfeld der Martin-Bonhoeffer-Häuser nachgegangen werden. Zum anderen geht es um die Frage, inwieweit die reformpädagogischen Ansätze der 1970er und 1980er Jahre, sexuelle Grenzverletzungen gegen Kinder und Jugendliche durch ihre Grundkonzeption begünstigt haben und welche Präventionsmaßnahmen notwendig sind, um Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse in pädagogischen Beziehungen kritisch zu reflektieren.

 

Vorgehen:

Wie in allen Aufarbeitungsstudien wird eine multiperspektivische Rekonstruktion der historischen Sachverhalte gewählt
Zu Beginn wird das vorhandene Aktenmaterial gesichtet und vorliegende Dokumente analysiert.

Geführt werden problemzentrierte, leitfadengestützte Interviews mit Angehörigen der Institution sowie mit Zeitzeug*innen (Mitarbeitende aus den 1970er und 1980er Jahren, ehemaligen betreuten Jugendlichen, Expert*innen aus Pädagogik, Sozialpädagogik).

Zusätzlich findet eine Sekundäranalyse von Interviews aus der Aufarbeitungsstudie zur Odenwaldschule statt, die Hinweise liefern könnte über die professionelle und ggf. private Beziehung zwischen Gerold Becker und Martin Bonhoeffer.

 

Auftraggeber:

Tübinger Verein für Sozialtherapie bei Kindern und Jugendlichen e.V.

 

Team:

Helga Dill, Gerhard Hackenschmied, Dr. Peter Mosser, Dr. Florian Straus

 

Laufzeit:

September 2019 – August 2021

 

Veröffentlichungen/Links:

Martin Bonhoeffer in der Kritik