Sexualisierte Grenzverletzungen in der Psychotherapie: Aufarbeitung der „Causa F.“ in Heidelberg

 

Thema:

Liebe und Sexualität sind zentrale Themen in Psychotherapie und Psychoanalyse. Nach wie vor wird aber wenig über Liebe und Sexualität zwischen Therapeut*innen und Patient*innen gesprochen, obwohl Einigkeit darüber herrscht, dass sexuelle Grenzüberschreitungen durch Psychotherapeut*innen traumatisierende und zerstörerische Wirkungen auf die Betroffenen haben. Im Institut für analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie Heidelberg e.V. (AKJP-HD) gab es in den Jahren zwischen 1975 und 1993 zahlreiche Hinweise und Gerüchte über sexualisierte Grenzverletzungen durch den damaligen ärztlichen Leiter, Dr. F. Dieser war zuständig für die Leitung der Ausbildungsstelle für Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten und die Organisation des Ausbildungscurriculums. Des Weiteren war er als Lehranalytiker und Supervisor für die Auszubildenden des Instituts tätig und zuständig für die Diagnostik der am Institut vorstellig gewordenen Patient*innen (Kinder- und Jugendliche). Zusätzlich war er Lehranalytiker und Supervisor am Institut für Psychotherapie und Psychoanalyse Heidelberg-Mannheim e.V. (IPP-HD).

1993 wurde Dr. F. im Rahmen einer Mitgliederversammlung des AKJP-HD aus seiner Leitungs-funktion entlassen, nachdem es im Vorfeld Vorwürfe und Gerüchte im Zusammenhang mit sexuellen Grenzverletzungen gegeben hatte und ihm ein Verhältnis mit einer ehemaligen Patientin nachgewiesen werden konnte. 1999 beendete er seine Mitgliedschaft im AKJP-HD. Zuvor gab es Überlegungen ihn aufgrund von „Abstinenzverletzungen“ von seiner Mitgliedschaft auszuschließen.

Nachdem 2016 bekannt wurde, dass es einen Gerichtsprozess gegen Dr. F. geben wird, bildete sich am AKJP-HD-Institut eine Arbeitsgruppe, die Antworten auf folgende Leitfragen sucht: „Wie können wir die Zeit von Dr. F.und die Versuche der Bewältigung erzählen, wenn die Geschichte unseres Instituts erzählt wird? Wie kann diese Zeit in die Geschichte des Instituts integriert werden?“

Bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung steht die Zeit 1975 -1993 und das Agieren von Dr. F. im Mittelpunkt.

 

Vorgehen:

Eine multiperspektivische Rekonstruktion der historischen Sachverhalte ermöglicht, Entstehungs- und Verdeckungszusammenhänge im Kontext institutioneller Gewalt offen zu legen und Erklärungen dafür zu liefern, weshalb sexualisierte Gewalt über lange Zeit nicht aufgedeckt wurde bzw. zu keinen wirksamen institutionellen Reaktionen führte, die einen nachhaltigen Schutz von Kindern und Jugendlichen und weiterer Betroffenengruppen gewährleisten hätten können.

Zu Beginn steht eine Akten- und Dokumentenanalyse.

Geführt werden anschließend problemzentrierte, leitfadengestützte Interviews mit

• Angehörigen der Institution sowie mit Zeitzeug*innen,
• mit betroffenen Patient*innen/Ausbildungskandidat*innen,
• mit Expert*innen, die sich mit Fällen sexualisierter Gewalt bzw. mit der Etablierung von Ethikleitlinien innerhalb von psychoanalytischer Ausbildungsinstitute professionell beschäftigt haben.

 

Auftraggeber:

AKJP Heidelberg

 

Team:

Helga Dill, Gerhard Hackenschmied, Dr. Peter Mosser, Dr. Florian Straus

 

Laufzeit:

Februar 2019 – Juli 2020/Januar 2021